Wahrheitsfindung als individueller und lebenslanger Prozess zur Mündigkeit
Bei Menschen handelt es sich um soziale Wesen und Menschen möchten an ihrer sozialen Umwelt partizipieren. Zugehörigkeit ist psychologisch betrachtet erst einmal ein Grundbedürfnis des Menschen. Der einzelne Mensch strebt danach, dieses Grundbedürfnis zu befriedigen. Insbesondere Kommunikation ist hierbei ein relevantes Mittel der Wahl, um mit anderen Menschen zu interagieren. Dabei kommt es vielen Menschen weniger darauf an, sich an die Wahrheit zu halten …

Zunächst muss an dieser Stelle die Frage nach der Wahrheit gestellt werden. Die Wahrheit kann als solche durchaus unterschiedlich interpretiert werden. In konstruktivistischer Perspektive wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch die Welt anders wahrnimmt und Wahrheit dementsprechend subjektiv ist. Dies widerspricht allerdings einer Auffassung von Wissenschaft, die für sich selbst reklamiert, die objektive Wahrheit hervorbringen zu können. Realistisch betrachtet liegt die Wahrheit wohl eher in der Mitte: Es gibt subjektive Wahrheiten (Alltagswissen, subjektive Meinungen) und objektive Wahrheiten (wissenschaftliche Erkenntnisse, evidenzbasierte Aussagen).
Von den subjektiven und objektiven Wahrheiten lassen sich Vorgänge des Lügens differenzieren. Beim Lügen wird gewissermaßen vorausgesetzt, dass sich die lügende Person bewusst nicht an die (subjektive oder objektive) Wahrheit hält.
Die objektive Wahrheit ist weitaus voraussetzungsreicher als die subjektive Wahrheit. Objektive Wahrheit bedarf unter anderem der gründlichen Recherche, des Einlesens in (mitunter komplexe) Sachverhalte und eventuell auch weiterer wissenschaftlicher Untersuchungen.
Demgegenüber ist die subjektive Wahrheit deutlich weniger voraussetzungsreich. Die subjektive Wahrheit entspringt der subjektiven Wahrnehmung. An sich ist jeder Mensch in der Lage dazu, seine Umwelt auf die eine oder andere Weise wahrzunehmen. Im alltäglichen Leben orientieren sich die meisten Menschen daher lieber entlang der subjektiven Wahrheit. Diese steht zu jedem Zeitpunkt direkt und ohne viel Aufwand zur Verfügung.
Besonders bei pädagogischen oder psychologischen Themen denken viele Menschen, sie könnten direkt (ohne größere Fachkenntnisse) mitreden, da sie der Auffassung sind, es handele sich bei diesen Themen um alltagsnahe, für deren Kenntnis die subjektive Wahrheit ausreicht.
Eine Gemeinsamkeit subjektiver und objektiver Wahrheiten liegt darin, dass es sich bei der Wahrheit um ein Konstrukt handelt. Sowohl objektive als auch subjektive Wahrheiten sind daher von Limitationen begleitet. Die meisten Limitationen weist jedoch die subjektive Wahrheit auf. Da sie der individuellen Wahrnehmung des einzelnen Menschen entspringt und nicht darüberhinausgehend überprüft wurde, ist sie – im Vergleich zur objektiven Wahrheit – anfälliger für Verzerrungen und Fehler.
Als soziales Wesen ist der Mensch schnell geneigt dazu, der sozialen Akzeptanz wegen wider besseres Wissen zu lügen. Der bekannte Weg des geringsten Widerstands ist im Verhalten vieler Menschen anzutreffen. Dies ist insofern nachvollziehbar, da die subjektive Wahrheit sozial mehr belohnt wird. Es kommt zu einer schnelleren Einigung und das Gefühl von Zugehörigkeit kann befriedigt werden.
Die objektive Wahrheit hingegen wird sozial eher bestraft. Sie ist kognitiv anstrengend, irritiert (führt damit zu kognitiver Dissonanz – einem unangenehmen kognitiven Zustand) und kann in einem sozialen Ausschluss resultieren.
Davor, nicht der sozialen Akzeptanz wegen zu lügen, bewahrt allerdings weder die subjektive noch die objektive Wahrheit. Je mehr Wissen sich der einzelne Mensch aneignet, das der objektiven Wahrheit entspricht, umso wahrscheinlicher wird es jedoch, dass er subjektive Wahrheiten oder Lügen entlarven kann, wenn sie der objektiven Wahrheit widersprechen.
Ob nun der einzelne Mensch für die objektive Wahrheit einstehen möchte, obliegt ihm ganz allein. Zumal auch das Einstehen für die objektive Wahrheit nicht fehlerfrei (und damit risikobehaftet) ist. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind niemals als absolut anzusehen und unterliegen einem permanenten Prozess des Wandels (durch Verifikation und Falsifikation).
Letztlich ist das Einstehen für eine objektive Wahrheit – eine Wahrheit, die sehr wahrscheinlich wahr ist – eine Frage der Haltung. Dieser Begriff wird zwar relativ inflationär benutzt, aber das Paradoxon lässt sich an dieser Stelle kaum anders auflösen. Die Verantwortung über den Umgang mit Wissen, Wahrheit und Lüge obliegt im Endeffekt dem Individuum.
Das Individuum würde lediglich dann seiner Verantwortung für die objektive Wahrheit befreit werden, wenn kollektiv verordnet werden würde, was unter Wissen, Wahrheit und Lüge fällt. Dies ist in einer freiheitlichen Gesellschaft allerdings entschieden abzulehnen. Folglich kann dem Individuum an dieser Stelle die Eigenverantwortung über Wahrheit und Lüge im alltäglichen und gesellschaftlichen Diskurs nicht abgenommen werden.
Und auch das Aneignen von Wissen – der objektiven Wahrheit – lässt sich einem erwachsenen Menschen nicht verordnen. Zumindest dann nicht, wenn an der Aufklärung festgehalten werden soll, die die Mündigkeit des Individuums propagiert hat („Sapere aude! Habe Muth [sic], dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ (Immanuel Kant)).
Zwar sind externe Anstöße und Unterstützungsleistungen zum Wissenserwerb möglich, aber dabei gilt der Satz: ‚Bildung ist keine Bringschuld, sondern eine Holschuld.‘ Zumal auch das bloße Aneignen von Wissen nicht zum Ziel führen kann.
Wissen muss transferiert werden, um tatsächliche Relevanz im Leben des Individuums entfalten zu können. Diese Transferleistung ist in ihrem Kern wieder eine individuelle und kann nicht von anderen Menschen übernommen (maximal angestoßen) werden.
In diesem Sinne ist Immanuel Kant auch heute noch zuzustimmen, der schrieb: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes [sic] liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“
Mündigkeit erlangt der Mensch in erster Linie durch sich selbst. Dabei ist der Prozess zur Mündigkeit ein endloser, da er dem unaufhaltsamen Wandel der Welt unterliegt. Wer wahrhaftig Mündigkeit erlangen möchte, muss unweigerlich dem Leitmotiv des lebenslangen Lernens folgen.
